Das Leben hat seine eigenen Gesetze

Das mit dem eigenen Namen ist so eine Sache. Seid ihr mit dem Namen, den ihr von euren Eltern bekommen habt, eigentlich zufrieden? Ich war es nie. Warum nicht? Keine Ahnung. Irgendwie fand ich alle anderen Namen einfach schöner. Zum Beispiel Angelika. Ein Name, der mich mein Leben lang begleitet hat. Und der eigentlich mein Name hätte werden sollten. Doch – sagen wir mal - das Schicksal entschied es anders.

 

Es war das Jahr 1959. Ein großes Jahr: Auf Kuba kämpfte der Revolutionär Che Guevara und brachte Fidel Castro an die Macht, in den deutschen Kinos löste „Der Frosch mit der Maske“ von Edgar Wallace eine Krimileidenschaft aus, die viele Jahre andauerte, Eintracht Frankfurt wurde Deutscher Meister, auf der New Yorker Spielwarenmesse „American Toys Fair“ stellte die amerikanische Firma Mattel ein Püppchen vor, dass in einen wahren Triumphzug rund um den Erdball die Herzen aller Mädchen eroberte: Barbie.

Und als ob all das nicht schon genug Aufregung gewesen wäre, wurden am 29. April gleich mehrere wichtige Menschen geboren: An diesem Mittwoch im April 1959 kamen Graig Armstrong, ein schottischer Musiker und Komponist (Er schrieb die Filmelodien zu „Der unglaubliche Hulk“ und „Der große Gatsby“), Trond Sollied, norwegischer Fußballspieler und -trainer, und Martin Bender, deutscher Jurist sowie Richter am Bundesgerichtshof, zur Welt.

Zugegeben: Ich habe keinen von den Herrschaften kennengelernt, aber egal. Die wissen garantiert auch nicht, dass sie am selben Tag wie dieses süße blonde und wohlgeformte Geschöpf das Licht der Welt erblickten. Nein, nicht die Barbie – ICH. Und mit 3320 Gramm auf 59 Zentimeter verteilt hatte ich damals echte Modell-Maße. Hätte Barbie ein Gehirn gehabt, sie wäre sicher neidisch geworden und hätte vor Angst gezittert, dass ich ihr irgendwann den Rang ablaufe. Doch so lächelte sie dümmlich vor sich hin, blieb stumm und zog erst einmal als Single in die Kinderzimmer rund um den Globus ein, um den braven Mädchen zu zeigen, wie schön die äußere Hülle von Frau sein muss, um von allen geliebt zu werden.

Nee, ich mochte Barbie nie. Ich fand sie einfach nur blöde: so blond, so schön, so begehrenswert. Sie blöde zu finden war gut. Besser jedenfalls als mich zu grämen und zu heulen. Weil ich nämlich keine haben durfte. Zu blond, zu schön, zu begehrenswert – „zu teuer!“ war Jahre später das immer und immer wieder wiederholte Argument von Mama Helgard, um an Spielzeugwarenläden GANZ schnell vorbei zu gehen, aus deren Schaufenster Barbie mir zuzurufen schien: Nimm mich mit! Ja, sie blöde zu finden, machte es einfacher. Da musste ich dann auch meinen Freundinnen nicht erklären, wieso die vollbusige Blondmähne nicht in meinem Puppenhaus wohnte.

Doch zurück in die Gutheimstraße 108. Dort tat ich also meinen ersten Schrei, um im Anschluss daran die kleine und bis dahin wohl strukturierte Welt einer ganzen Familie auf den Kopf zu stellen. Und das nachhaltig.

Es war noch dunkel, als ich um fünf Minuten vor Fünf im Schlafzimmer meiner Eltern in der kleinen Dachwohnung als erstes Kind von Mama Helgard und Papa Rudolf das Licht der Welt erblickte. Mama Helgard war ziemlich geschafft und Papa Rudolf total aus dem Häuschen. Schließlich hatte er sich immer eine Tochter gewünscht. Und nicht nur dies: Er war dermaßen überzeugt davon, dass er eine Tochter bekommen würde, dass er sich sogar auf eine Wette eingelassen hatte. Und das kam so: „Ich bekomme eine Tochter!“, hatte er vor knapp neuen Monaten in die Welt hinausposaunt. Dies an und für sich wäre ja nicht so schlimm gewesen. Doch er tat es im Beisein der lieben Verwandtschaft. Ich glaube, damals bekam Mama ihr erstes graues Haar. Sie wollte lieber einen Sohn.

„Niemals bekommst du eine Tochter!“, hatte daraufhin Onkel Fred zurückposaunt. „In unserer Familie kommen nur Jungs auf die Welt!“, hatte er im Brustton der Überzeugung gerufen. Und Onkel Fred sprach aus Erfahrung. Schließlich hatte er selbst ja auch einen Sohn gezeugt. Und sein Bruder Richard hatte gleich drei stolze Jungs in die Welt gesetzt. Und Richard war immerhin der Vater von Papa Rudolf.

So posaunten sich Onkel Fred und der angehende Papa Rudolf also die Köpfe heiß. Bis Onkel Fred meinte: „Ich wette um eine Kiste Bier, dass du keine Tochter bekommst.“ Ohne viel zu überlegen wie es in der Familienkasse aussah und ohne auf Mama Helgards entsetztes Gesicht zu achten, schlug der Neffe in die ausgestreckte Hand des Onkels ein. Die Wette war besiegelt. Bei meiner Ankunft würde das Bier also schon mal kalt stehen.

Wie bereits gesagt: Es war noch dunkel, als ich um fünf Minuten vor Fünf im Schlafzimmer meiner Eltern in der kleinen Dachwohnung als erstes Kind von Mama Helgard und Papa Rudolf das Licht der Welt erblickte. Mama Helgard war ziemlich geschafft und Papa Rudolf total aus dem Häuschen. Kaum dass ich auf der Welt war, schnappte er sich ein paar Zehner und rannte zur nächsten Telefonzelle. Gleich neben Gölzens, das war die Stammkneipe der ganzen Familie, stand sie. Papa Rudolf riss die Tür des gelben Häuschens auf, wählte Onkel Freds Nummer und brüllte in den Hörer: „Ich habe eine Tochter!“ Damit war dann auch Tante Lissel wach, die am anderen Ende dran war und wiederum postwendend durch die Wohnung schrie: „Fred, der Rudi hat eine Tochter!“

Wacher hätte Onkel Fred nicht sein können, als in diesem Moment. Nicht nur die Familientradition war futsch – nein, er hatte auch noch eine Kiste Bier verloren. Doch Wettschulden sind Ehrenschulden. So sprang Onkel Fred also aus dem Bett in die ordentlich parat liegenden Kleider, machte kurz Station im Badezimmer, rief der Tante Lissel ein „Ich muss in die Gutheimstraße“ zu und weg war er. Kurz vor halb Acht am Morgen stand er mit einer Kiste Bier am Wochenbett von Mama Helgard, gratulierte ihr zur Tochter, Papa Rudolf zu der gewonnenen Wette und bewunderte ausgiebig das zarte Geschöpf im Stubenwagen. Dann zischte es zwei Mal, Glas klirrte, Mama sank müde in die Kissen, Oma schüttelte ungläubig den Kopf und Papa trank mit Onkel Fred ein Bier. Ausnahmezustand im Hause Bohlander.

Meine Mama und ich waren wohlauf und so wurde die nächsten Tage auch weiter ordentlich gefeiert. Die ganze Nachbarschaft kam, schließlich musste das Bier ja weg. Doch dann kam jener Tag, an dem das Schicksal erstmals seinen Lauf nahm...


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