Herbstlaub

Herbstlaub - Kurzgeschichten von Ursula Konder

Licht fällt durch die lichten Baumwipfel auf den Weg. Noch vor einigen Wochen lebten hier nur die Schatten des grünen Blätterdaches. Jetzt trägt der Wald stellenweise Glatze. Herbst – in der Natur, im Menschenleben.

 

Wo im Sommer noch karger Waldboden mir den Weg wies und den Widerhall meiner schnellen Schritte verschluckte durchbricht nun Rascheln die morgendliche Stille. Mutter Natur lässt den Herbst gewähren. Dick bläst er die Backen auf, wirbelt die Ordnung auf Feld und Flur gehörig durcheinander, entfaltet mit rotbraunen und gelbgoldenen Farben seine ganze Pracht, die bald schon mit flammendem Rot auf den wenigen noch belaubten Häuptern gekrönt wird.

 

Ein letztes Aufbäumen, bevor sich die Herrlichkeit des Lebens in Nichts auflöst, vertrocknet, zu Staub zerfällt; um das, was danach kommt, wieder zu nähren.

 

Herbst. Wegweiser zum Countdown im Jahreszirkel. Im Lebenszirkel. Mit großem Tamtam läutet er das Sterben ein, jagt mit Getöse den Sommer zum Teufel. Und doch bibbert er selbst vor der eisigen Kälte des Winters, vor dem nahenden Ende. Vor seinem nahenden Ende. Trotzig wie ein angezählter Boxer schlägt er uns seine brausenden Stürme um die Ohren, lehrt uns schon mal das Zittern vor dem endgültigen Aus.

 

Herbst – geliebte Zeit. Die Erde begibt sich zur Ruhe. Will nach all dem Früchtetragen endlich wieder Kraft tanken. Will sich begraben lassen unter einem schützenden Mantel aus bunten Blättern und einer weißen Schutzdecke aus Kristallen, die wie die Modells auf dem Laufsteg in der winterlichen Sonne glitzernd miteinander konkurrieren.

 

Der Herbst befreit – in der Natur, im Menschenleben. Zeit, Dinge loszulassen, die an uns kleben wie Honigtau an den Hinterbeinen der Bienen auf der sommerlichen Blumenwiese. Draußen fallen die Blätter, in meinem Kopf purzeln die Gedanken durcheinander.

 

Was lasse ICH fallen?

 

Lasse ich mit jedem Stück nicht auch ein Stück meines Lebens los?

 

Sollte ich nicht doch lieber festhalten?
 

Mich erinnern?

 

Nicht vergessen?

 

Wie kann ich überhaupt weitergehen, wenn der Herbst mir doch den Weg in das Unausweichliche weist?

 

Wie kann ich weitergehen mit dem Ende vor Augen?

 

Soll ich mit großem Tamtam das Sterben einläuten und den Sommer zum Teufel jagen?

 

Vor der Kälte meines Winters jetzt schon bibbern?

 

Nein!

 

Nein!

 

Und nochmals Nein!

 

Ich werde die Sonne meines Herzens wie einen wärmenden Mantel um meine Schultern legen. Ihn so eng an mich heranziehen, wie einen Geliebten, der neue Kraft schenkt, trüben Gedanken strahlende Flügel schenkt, das müde Herz zum Rasen bringt. Seine Schönheit wird meine Augen sattmachen wie einst ein Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffelknödel die Sehnsucht meines hungrigen Magens nach Essbarem gestillt hat. An ihm will ich mich betrinken. Immer und immer wieder. Ich werde ihn genießen wie einen uralten Whiskey, der schwer und ölig die Zunge streichelt. Der die Geschmacksknospen aus ihrem Dornröschenschlaf wachrüttelt, damit sie sich für einen winzigen, unendlichen Moment wieder jung fühlen.

 

Mit leichtem Gepäck will ich mich aufmachen, in neue Abenteuer. Abenteuer, die mich durch Morgennebel hinauf zu Berggipfeln in der Sonne führen, um mir die Wahrheit des Lebens vor Augen zu führen. Abenteuer, die mich durch dunkles, verzweigtes Unterholz zu einer Lichtung mit weichem Moos bringen, auf der die Gelassenheit wohnt und die Zeit verloren gegangen ist.

 

Und das größte Abenteuer wird die Liebe sein. Eine Liebe, die ein junges Leben nicht kennt, eine Liebe, die tiefer ist als die See und strahlender als das schönste Feuerwerk.

 

Der Winter muss warten.

Herbstlaub - Kurzgeschichten von Ursula Konder

 

 

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